Diesen Text habe ich 2018 für die „Kirchenmusikalischen Nachrichten“ (KiMuNa) der EKHN geschrieben. Ich finde, er beschreibt immer noch sehr gut, warum ich gerne Kirchenmusiker bin!
Warum ich gerne Kirchenmusiker bin
Kurz nachdem die Flughöhe erreicht war wurde der Mann von seinem Sitznachbarn gefragt: „Und was machen Sie beruflich?“. Der Mann geht kurz die Alternativen durch und entschließt sich in diesem Fall für eine einfache, wenn auch sehr verkürzte Antwort: “Ich bin Organist“. Der andere, der Kleidung nach zu urteilen ein Geschäftsmann, überlegt kurz und fragt dann: „Und was organisieren Sie denn so?“
Hier endet die kleine Geschichte schon, die mein Orgellehrer gerne erzählte. Ich sehe mich, wie ich als junger Kirchenmusikstudent in der Graf-Recke-Str. in Düsseldorf darüber lachen und denke: „Organisieren?? Was für ein Banause.“
Dabei hatte der Mann gar nicht so Unrecht. Denn Organisieren gehört nicht nur heute zum Job, sondern das musste man damals auch schon können, wenn man das Wochenprogramm einigermaßen hinbekommen wollte.
Wie wohl für die meisten von uns war es für mich die Orgel, die mich faszinierte und in diesen Beruf brachte. Und heute noch so fasziniert, dass ich fast jeden Tag mit Orgelüben beginne. Das heißt: zu diesem Zeitpunkt war ich ja noch Student und verbrachte einen Großteil der Zeit im sogenannten „Gammelraum“, in dem seit Jahren Teebeutel von der Decke hingen, die meine Freundin Barbara nach einer knochentrockenen Liturgikvorlesung voller Zorn an die Decke gepfeffert hatte.
Was ich aber damals nicht verstanden habe ist, wie groß unsere Aufgabe – auch jenseits der Musik – ist:
Wir können weitergeben: Von unserem Glauben, von unserer musikalischen Prägung, unserer Faszination für ein ganz besonderes Instrument. Wir schaffen einen Raum, in dem Menschen biblische Texte hören, singen und leben können. Und in dem Menschen füreinander da sind. Wir können erleben, wie Menschen sich bewegen lassen: wie tröstend Liedverse und Songtexte in Krisenzeiten sein können.
Wenn ich mich also frage warum ich gerne Kirchenmusiker bin, dann denke ich heute vor allem an die Energie und das Engagement, das in den Chören freigesetzt wird, wenn Sängerinnen und Sänger sich begeistern lassen. Oder an die strahlenden Augen meiner 14-jährigen Schülerin, wenn sie die Register zieht. Oder ich sehe 20 Leute aus dem Kirchenchor, die unseren Neuzugang im Bass, den getauften Iraner E. zum Verwaltungsgericht Wiesbaden begleiten, um (erfolgreich) gegen seinen ablehnenden Asylbescheid zu klagen.
Deshalb bin ich gerne Kirchenmusiker.
